Dylans erste US-Reise endete Ende Mai 1950. Er hatte viele Berühmtheiten
kennen gelernt, einige neue Freunde gefunden und Amerika mochte ihn als
hintersinnigen Possenreißer und Rezitator von Gedichten. Gesundheitlich
war er jedoch während der gesamten Tournee ziemlich angeschlagen
und hatte außerdem das eigentliche Ziel seiner Reise, den Weg zurück
zur dichterischen Kraft zu finden, aus den Augen verloren. Da er unterwegs
auch kein Trinkgelage ausgelassen hatte, die Rolle des „Lebemanns“
spielte, hatte er natürlich auch vergessen, das eingenommene Geld
zusammenzuhalten.
Wieder daheim in Laugharne arbeitete er an dem Gedicht „In The
White Giant’s Tigh“ und veröffentlichte eine bibliophile
Ausgabe seines Buches „26 Poems“ in England. Zur Jahresmitte
nahm er verschiedene Aufträge der BBC an, rezensierte dort einige
amerikanische Autoren, las eigene Werke und nahm an einer Diskussionsrunde
über die dichterische Freiheit teil. Im Jahr darauf schrieb Dylan
das Drehbuch zu einem Werbefilm über die heutige British Petroleum
Company (BP), reiste hierzu im Januar nach Persien und entwickelte anschließend
eine Serie über persisches Erdöl.
Sein Einkommen bezog Dylan Thomas aus den unterschiedlichsten Quellen.
Er las im Radio, verkaufte Original-Handschriften seiner Gedichte, erhielt
Tantiemen für seine Bücher und wurde von guten Freunden finanziell
unterstützt. Doch Dylan gab das Geld weiterhin immer schneller aus
als er es bekam. Im Januar 1952 trat Dylan, an Bord der Queen Mary, seine
zweite Amerikareise an. Diesmal in Begleitung seiner Frau Caitlin. In
New York angekommen bezogen sie ein Apartment im Chelsea Hotel und Dylan
begann seine Vortragsreise wieder in John Brinnin’s Poetry Center.
Er hatte mittlerweile weitere neue New Yorker Bekanntschaften gemacht
und, was fast noch wichtiger war, eine Kneipe in der Nachbarschaft gefunden,
die weitestgehend einem englischen Pub entsprach. Dylan und Caitlin ließen
es sich gut ergehen und gaben ihr Geld beidhändig aus.
Im Februar veröffentlichte Dylans Verlag New Directions den Gedichtsband
„In Country Sleep“ in einer Auflage von 5000 Stück. Neben
seinen Büchern wollte Dylan aber auch, das wurde gerade in Literaturkreisen
modern, Langspielplatten mit seinen Lesungen veröffentlichen und
lies zu diesem Zweck einige seiner Veranstaltungen aufzeichnen. Die kleine,
auf Literatur-Schallplatten spezialisierte, Firma Caedmon Records wurde
sein „Plattenlabel“ und veröffentlichte Insgesamt 12
Schallplatten mit seinen Lesungen.
Als Dylan und Caitlin im Mai die Heimreise antraten waren sie, trotz
des Erfolges, fast Pleite. Im November 1952 erschien Dylans große
Gedichtssammlung „Collected Poems“ und wurde sein bisher größter
Erfolg. Es gab zwar einige Kritiker, denen das Buch missfiel, die meisten
aber besprachen es gut bis sehr gut und einer bezeichnete Thomas gar als
den „größten lebenden englischsprachigen Dichter“.
Das Buch verkaufte sich sehr gut, doch der Erfolg schien für Dylan
Thomas bedeutungslos zu sein.
„Er konnte einen Stapel enthusiastischer Kritiken durchlesen und
dabei so gefasst sein, als wären das nur die Resultate eines Schülerwettbewerbs.“
(E. F. Bozman, Dylans Verleger)
Von Ende 1952 bis Anfag 1953 schrieb Dylan einige Literaturkritiken,
bereitete das Drehbuch von „The Doctor & The Devils“ für
die Veröffentlichung vor und arbeitete erneut für die BBC. Außerdem
schmiedete er den Plan zu einer weiteren lukrativen Amerikareise. Seine
finanzielle Situation hatte sich nämlich weiter verschlechtert. Einerseits
lag das an seiner Unfähigkeit mit Geld umzugehen und andererseits
daran, dass er seit dem Tode seines Vaters auch für den Unterhalt
seiner Mutter aufkommen musste. Er war sich sicher, in den USA könne
er in kurzer Zeit wieder sehr viel Geld verdienen und würde nebenbei
auch weitaus mehr Anerkennung finden, als daheim in England.
Im Dezember 1952 bat er Stephen Spender erneut darum, wie schon im Jahr
1940, eine Spendensammlung zu veranstalten. Doch niemand war bereit für
Dylan zu spenden. Das war auch völlig einleuchtend, denn er selbst
verfügte ja über ein wesentlich höheres Einkommen als die
Angesprochenen. Man sagte ihm, er müsse nur lernen, in finanziellen
Dingen sorgsamer zu sein. Im Klartext: Er und Caitlin sollten aufhören
das Geld zu verprassen.
Obwohl Caitlin gegen eine weitere Reise in die USA war, schien das ihre
einzige Möglichkeit zu sein, an Geld zu kommen. So beschlossen sie,
dass Dylan allein und nur für sechs Wochen reisen sollte. Gesagt,
getan, am 21 April checkte Dylan also wieder im Chelsea Hotel in New York
ein und erstattete sofort seiner Lieblingskneipe „White Horse Tavern“
einen Besuch. Er machte in den folgenden Wochen einige Dichterlesungen
und arbeitete nebenher weiter an der endgültigen Bühnenfassung
von „Under The Milky Wood“. Das Stück, mit dem er schon
1933 begonnen hatte, welches er 1945 als BBC-Hörspiel aufführte
hatte am 3.Mai 1953 im Fogg Museum endlich seine Theaterpremiere.
Nach weiteren Dichterlesungen reiste Dylan nach Boston um John Brinnin
zu besuchen. Dort erhielt er den Anruf eines Mitarbeiters von Igor Stravinsky.
Stravinsky, der gerade mit Studenten der Bostoner Universität arbeitete,
wollte eine neue Oper schreiben und wünschte sich für das Libretto
„den besten lebenden Schriftsteller, Dylan Thomas“. Als Dylan
zum ersten Mal mit Stravinsky zusammentraf hatte er schon einen Entwurf
ausgearbeitet.
Das Opernprojekt befand sich aber noch in einem sehr frühen Planungsstadium.
Es gab im Grunde nur die Idee und einige potenzielle Sponsoren, konkrete
Umsetzungsplanungen und Budgets gab es noch nicht. Stravinsky hoffte zwar,
bis zum Jahresende die Finanzmittel beisammen zu haben, doch zu einer
Zusammenarbeit mit Dylan Thomas kam es nicht mehr.
Im März des Jahres 1953, nach der letzten Aufführung von „Under
The Milky Way“, kehrte Dylan heim nach Laugharne. Er begann dort
mit der Überarbeitung des Stückes für die geplante Buchausgabe
und einer Rundfunk-Adaption. Außerdem arbeitete er weiter an seinem
schon 1941 begonnenen Roman „Adventures in the Skin Trade“.
Im Laufe des Jahres verschlechterte sich sein Gesundheitszustand zunehmend.
Er wurde von Bewusstseinsstörungen heimgesucht, die kontinuierlich
heftiger wurden und in immer kürzer werdenden Zyklen auftraten. Sein
Arzt hatte ihn zwar mehrfach dazu aufgefordert, wenn er weiterleben wolle,
seinen Alkoholkonsum aufzugeben, doch Dylan hielt sich nicht daran. Er
hatte zwar schon öfter versucht abstinent zu werden, hatte es aber
nie lange durchgehalten. Jetzt bekam er langsam aber sicher die Quittung
ausgestellt.
Der chronische Geldmangel der Dylans brachte Ihn im Herbst des Jahres
dazu, Verträge über einige gut bezahlte Dichterlesungen und
einen hoch dotierten Künstlervertrag mit einer amerikanischen Agentur
abzuschließen. Am 19. Oktober flog Dylan Thomas wieder nach New
York um die Proben für die neue Fassung von „Under The Milky
Way“ zu leiten. Obwohl er schon sehr krank war, ließ er sich
die Mitwirkung bei einigen Aufführungen nicht nehmen und erntete
großen Beifall.
Zum Monatsende verschlimmerte sich Dylans Krankheit täglich. Am
4. November wurde er in das St. Vinzenz Hospital eingeliefert, wo er in
ein Koma fiel. Als Caitlin in New York ankam, lag Dylan schon im Sterben.
Am 9. November 1953 verstarb Dylan Thomas ohne zuvor aus dem Koma aufzuwachen.
An der Trauerfeier in New York nahmen ca. 400 Menschen teil.
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